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Weihnachten in Estland ( nach Heike Hanusch)

Zur Weihnachtstradition gehört in Estland ein Friedhofsbesuch: Dort wird eine Kerze angezündet und der Vorfahren gedacht. Manche Esten gehen danach in die Kirche, andere in die Sauna.

Weihnachten in Estland (Jõulud) bedeutet eine Mischung aus heidnischen, religiösen und traditionell ländlichen Bräuchen. Heute kommt die moderne überladene Weihnacht dazu – oft als zu kommerziell beklagt.

Blutwurst und Sauerkraut zum Fest
Das traditionelle Weihnachtsessen in Estland ist Blutwurst (oder Schweinefleisch) mit Kartoffeln und Sauerkraut. Selbst überzeugte Vegetarier lassen sich einmal im Jahr zu diesem besonderen Anlass nicht nur darauf ein, Fleisch zu essen, sie freuen sich sogar darauf. Heutzutage kaufen die meisten Esten die Blutwürste, früher gehörte es dazu, selbst zu schlachten und die Würste frisch zuzubereiten.

Nicht Kraftlosigkeit nach dem Kochen, sondern heidnischer Glaube ist der Grund, dass in vielen Familien die Reste des Essens über Nacht auf dem Tisch bleiben: Am Weihnachtsabend kehren die Seelen der Toten in die Häuser ihrer Verwandten zurück. Auch abgewaschen wird nicht, denn neben Speisen und Getränken sollen den Vorfahren auch Besteck und Geschirr zur Verfügung stehen.

Friedhofsbesuch und Sauna
Vor dem Festmahl am Weihnachtsabend ehren die Familien ihre Ahnen mit einem Besuch auf dem Friedhof und zünden auf den Gräbern eine Kerze an. Wahrscheinlich nicht immer aus tiefstem Glauben sondern aus Pragmatismus, der dem estnischen Volk auch im restlichen Jahr eigen ist, wird die Kirche besucht, denn sie liegt ja auf dem Weg und ist gut geheizt. Ziel ist am Weihnachtsabend aber der Friedhof, nicht die Kirche. Anders steht es mit der Sauna: Da die Sauna in Estland mindestens ebenso beliebt ist wie in Finnland, suchen estnische Familien gerne auch am Weihnachtsabend diesen wärmsten aller Plätze auf.

Wenn hier vom Weihnachtsabend die Rede ist, so ist der 24. Dezember gemeint. Dieser ist ein Feiertag, wie die folgenden beiden Tage. Zu Zeiten der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik (bis 1991) war Weihnachten verboten. Damals hing es vom Mut und der Einstellung der einzelnen Familie ab, wann sie den Friedhof besuchte und ob sie es wagte, einen Abstecher in die Kirche zu machen. Dort gab es immer auch Personen, die aufmerksamer als andere ihre Nachbarn betrachteten. In der Wohnung wurden Kerzen nur hinter verhangenen Fenstern entzündet.
Offiziell verordnet feierten die Esten den Jahreswechsel als eine Art Ersatzweihnacht. Im Privaten hing es von der Religiösität, der familieneigenen Tradition oder dem Widerstandswillen ab, welche Rolle das Weihnachtsfest am 24. Dezember spielte.

„Oh kuusepuu, oh kuusepuu ...“
Als Deutsche muss ich in Estland auf wenig verzichten, was mir an der gewohnten Weihnacht lieb ist: Es gibt geschmückte Weihnachtsbäume und jede Menge Schokoladenweihnachtsmänner, Pfefferkuchen (piparkoogid) und dekorierte Straßen. Kalt ist es ebenfalls; häufig fällt im Januar der erste Schnee. Es gibt Glühwein und ein estnisches Wort dafür: hõõgvein. Und sogar das Lied „Oh Tannenbaum“ wird gesungen, das ich auf Estnisch ganz besonders liebe: „Oh kuusepuu“.
 

Besucher:620
Erstellt am:12.12.2011
Letzte Veränderung:12.12.2011
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